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Visuelle Analysen in der Sozialwissenschaft: 5 Ansätze

Visuelle Analysen in der Sozialwissenschaft: 5 Ansätze

Es gibt viele unterschiedliche medien- und kommunikationswissenschaftliche Forschungsansätze, um Bilder zum Gegenstand der Wissenschaft zu machen. Hier sind fünf. 

Die meisten von uns interagieren mit Bildern als Medium an 365 Tagen im Jahr – vergangenes Jahr waren es noch 366 Tage. Medienhistorisch betrachtet sind visuelle Komponenten in der Kommunikation ein Klassiker . Sie sind seit 32.000 Jahren bekannt: Bildmitteilungen gab es lange vor Schrift, vermutlich auch lange vor der verbalen Kommunikation (Pendel 2009).

Für die Wissenschaftskommunikation ist das Visuelle ebenso von Bedeutung wie für andere Genres; umgekehrt ist dies in zumindest 5 Fällen nicht anders:

1. Politische Ikonografie und Ikonologie

Jedes Detail, jedes Symbol in der Darstellung hat eine Bedeutung. Früher genauso wie heute. (Bild: Flickr; Prosopon School of Iconology; CC BY 2.0)

Die politische Ikonographie und Ikonologie entstammen der Tradition der Kunstgeschichte. Als Fortsetzung der Ikonografie, die sich mit Formsprache und Stil auseinandersetzt, strebt die Ikonologie eine kontextbezogene Deutung von Bildnissen und Gemälden an. Diese Strömung hat es sich zum Ziel gemacht, Darstellungen und Darstellungstraditionen vor allem politisch relevanter Sujets aufzuarbeiten. In Hinblick auf die Methodik und Spezialisierung auf politische Sujets gilt es, Erwin Panofsky zu nennen. 1975 entwickelte er das bis heute gültige Analyseschema in drei Schritten und lässt uns damit die Absichten der Machtvollen und ihrer Inszenierung verstehen. Um vermehrt auch die Auswirkungen von Bildern auf die Gesellschaft untersuchen zu können, wurde teilweise parallel, teilweise im Anschluss an Panofski, an einer visuellen Kontextanalyse gearbeitet. Die visuelle Kontextanalyse ist ein standardisiertes, interpretatives Verfahren, dass die Methode Panofskis um eine sozialwissenschaftliche Kontextdimension erweitert. Die Fotografien aus Abu Ghraib und Guantanamo wurden unter Anwendung dieses Blickwinkels untersucht .

2. Zweimal QCA

Die Quantitative Content Analysis ist eine systematische und objektive Untersuchung der Charakteristik von Mitteilungen. Die Qualitative Content Analysis wird genutzt um die Bedeutung qualitativen Materials zu beschreiben. Beide QCA’s machen den Bildinhalt zum Gegenstand der Analyse und treffen dann weiterführende Aussagen. Da die Verbindung zwischen den einzelnen Inhalten und Kontexten nicht algorithmisch, sondern – zwar unter Anwendung von Codes – aber doch intersubjektiv geschieht, besteht die Gefahr der Methode in der unsystematischen Kombination der Inhalte. Interpretative Fehlschlüsse können durch die enge Kooperation der Stakeholder, vor allem aber durch das nachvollziehbare Arbeiten der Forscher*Innen reduziert werden. Die Verwendung eines methodologischen Modells zur Unterteilung der Bildebenen (z.B. nach Stephanie Geise und Patrick Rössler 2012, 2013) ist angeraten.

3. Nonverbale Medienkommunikation

Bei der TV Debatte Kennedy vs. Nixon, punktet Nixon Zuhörern im Rundfunk, Kennedy hingegen hinterlässt bei Zusehern im Fernsehen aufgrund seiner besseren körperlichen Verfassung mehr Eindruck. (Bild: Flickr; Dave Winer; CC BY-SA 2.0)

Im Mittelpunkt der Forschung zur nonverbalen Medienkommunikation steht die Aufdeckung so genannter Darstellungseffekte (Kepplinger 2010). Methodisch erstmals erprobt im Rahmen eines TV Duells Kennedy gegen Nixon im Jahr 1960 vom Marktforschungsinstitut Sindlinger & Company, befasst sich die nonverbale Medienkommunikation heute vor allem mit durch Medienbilder induzierter Unausgewogenheit – dem visual bias. Das Visuelle ist demzufolge stets in unmittelbarer Verbindung von Narrativen die beliebig gestaltet werden können; die Trennung verbaler und nonverbaler Kommunikation also eine rein Technische.

4. Visual Priming

Das Visual Priming wird, wie auch das Visual Agenda Setting, auf die Grundlagen kognitiver Psychologie zurückgeführt und basiert auf der Annahme, dass die kognitive oder affektive Verarbeitung von Reiz B auf den vorangegangenen Reiz A aufbaut. Priming macht im Hirn abgelegte Informationen leichter zugänglich und stellt aufgrund des angenommenen PSE – Picture Superiority Effect eines der größten Potentiale in der Kommunikationsbranche dar. Wer heute im Bereich des Visual Priming experimentiert und forscht, gehört zur absoluten Speerspitze und setzt sich typischerweise mit Verhaltensmustern, Stereotypenforschung, Wahlkampfkommunikation und Self-Priming auseinander. Hier gibt es noch viel Luft nach oben!

5. Visual Framing

Das Erkenntnisinteresse bei visual framing dreht sich um den bildlichen Rahmen, der einer bestimmten Mitteilung gegeben wird. Dabei werden einzelne Aspekte einer Nachricht selektiert und mit Bildern unterfüttert. Das visual framing gibt das Interpretationsmuster vor und bestimmt den Sinnhorizont der Leser*innen. Die Forschung von visuellem Framing wird derzeit noch stark im Journalismus angewandt. Hier gibt es Studien zum visuellen framen von Umwelt- und Naturkatastrophen, der Darstellung politischer Akteure, Protestbewegungen und Stereotypenforschung. Insgesamt betrachtet, gilt das Visual Framing als Lebenslinie in der visuellen Kommunikatiosforschung: Sie verbindet die multimodale Anwendung visueller Materialien mit theoretisch und methodisch differenzierten Verständnis.

  • Kepplinger, H. M. 2010. Nonverbale Medienkommunikation. Wiesbaden: VS.

  • Geise, S.; Rössler, P. 2013. Standardisierte Inhaltsanlyse: Grundprinzipien, Einsatz und Anwendung. In: Möhring, W.; Schlütz, D. (Hrsg.), Handbuch standardisierte Erhebungsmethoden der Kommunkiationswissenschaft. Wiesbaden: VS.

  • Pendel, H.J.2009. Schrift und Bild – Bild und Wort. Aus Politik und Zeitgeschichte, 31, 10-17.

 

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